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Das Waagnis über dem Eckhaus

Ein Schattenriss ziert den Neubau Alter Markt 6 / Erika-Wolf-Straße 1

Noch ist die Figurengruppe auf dem Dach des Eckhauses Alter Markt 13 – 14 hinter Baugerüst und Planen verborgen. Ehe das "Waagnis" für alle sichtbar wird, hat das KM-Magazin den Künstler Wolf von Waldow begleitet und sich den Schattenriss aus der Nähe angeschaut. Eine moderne Abundantia, die römische Göttin des Überflusses, schüttet eine halbe Weltkugel aus, die andere Hälfte hängt schlaff in den Händen eines Verzweifelten.

Mit seinem Schattenriss und dem Fries hat Wolf von Waldow das historische Motiv, das einst den Vorgängerbau zierte, ins Heute übersetzt. Auf der Dachkante des historischen Gebäudes befand sich eine Allegorie der Abundantia, die ihr Füllhorn über Potsdam ausschüttete. Neben ihr eine Weinende, die auf Ruinen weist, die der verheerende Stadtbrand 1795 hinterlassen hatte. Mit ihren Gaben tröstete Abundantia die Verzweifelte.

„Überfluss auf der einen Seite bedeutet Mangel auf der anderen. Darum zeige ich eine zeitgenössische Abundantia, die ihre Waren verschwendet, ohne sich um deren gerechte Verteilung zu kümmern“, beschreibt Wolf von Waldow seine Intention.

Alles Ausgeschüttete findet sich in dem Fries, das über dem ehemaligen Haupteingang platziert ist, wieder. Putten im Barockstil, ein Fragment des Originalreliefs von 1797, hat der Künstler in den Fries eingearbeitet. Natürlich kann man sich fragen: Passt so viel Historie zu einem Neubau? Genau das war die Intention der Karl Marx, als sie 2018 einen Kunstwettbewerb für die Gestaltung des Eckhauses ausgeschrieben hatte. Nicht nur für die Architektur des Hauses galten gestalterische Vorgaben, auch das historische Relief sollte sich wiederfinden – als Rekonstruktion, als Zitat oder eben neu interpretiert.

50 Künstler aus ganz Deutschland hatten sich beworben, acht reichten ihre Entwürfe ein. Die Idee des Berliner Künstlers überzeugte die Jury: „Mich reizt es, den optischen Reichtum alter Fassaden zurückzugewinnen, ohne die historischen Formen einfach nachzubilden.“ Für den 61-Jährigen ist Kunst am Bau einer seiner Schwerpunkte. Seine metallischen Schattenrisse lassen sich in etlichen deutschen Städten entdecken. Das „Waagnis“ gehört mit vier Meter Breite und drei Meter Höhe und dem sechs Meter langen Fries zu seinen größten Werken. „Das war für mich Neuland. Ich musste die Statik mit bedenken; mich mit dem Schlosser, Fassadenbauer, Metallbauer, Dachdecker abstimmen. Bei der Auswahl des Materials Wind und Wetter berücksichtigen“, erzählt der Industriedesigner. Die Figurengruppe wurde schließlich aus einem Zentimeter dickem Aluminium geschnitten und pulverbeschichtet.

Bevor es in diesem Sommer so weit war, hatte von Waldow verschiedene Entwurfsphasen durchlaufen. Am Rechner wird die Idee skizziert, im zweiten Schritt ein Modell aus Pappe

gebaut. „Um die Proportionen gut zu erkennen, erstelle ich meist ein originalgetreues Modell.“ Weil der Platz in seinem Atelier kaum reichte, brachte er das Papiermodell am Balkon seiner Wohnung im 4. Stock an. So habe er einen anderen Blick auf sein Werk. Darauf hofft er auch in Potsdam, um seine Kunst allen zugänglich zu machen.