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Vom Umgang mit einem Gespenst

Hauswart Sven Bürger und die Corona-Folgen am Platz der Einheit

Von Corona keine Spur. Ein frischer Frühlingswind weht im ausgehenden April über den Platz der Einheit und trocknet im intensiven Sonnenlicht den Boden aus. Hauswart Sven Bürger muss den frisch gesäten Rasen auf der Rückseite der Häuser feucht halten, als Frau Marquardt neben ihm eine prompte Kehrtwendung macht. Eigentlich will sie zur Drogerie. Aber sie hat ihren Mundschutz vergessen. Ist doch noch keine Pflicht. Doch Frau Marquardt will sichergehen, wenn sie beim Drogeriefachmarkt im Einlassstau steht. Das unsichtbare Virus führt Regie. So viel habe sich für ihn ja nicht geändert, sagt der Hauswart, der seit sieben Jahren die Häuser der Karl Marx im Karree betreut. Obwohl schon, etwa bei seinen Kontrollen an den Müllstandplätzen sei doch zu sehen, dass mehr Leute zu Hause sind. „So schnell füllt sich die Papiertonne sonst nur zu Weihnachten oder Ostern“, hat er festgestellt. Und auch der vagabundierende Abfall, darunter manch benutzter Plastikhandschuh, habe in bestimmten kritischen Ecken seiner Anlagen deutlich zugenommen. Doch sonst? Na ja, durch das Abstandsgebot wüsste man im Treppenhaus manchmal gar nicht, wie man vorschriftsmäßig aneinander vorbeikommt, sagt er. Abstand halten im Alltag sei ein Kampf gegen gewohnte Reflexe. Die Hand schwingt schon zum Handschlag aus und macht im letzten Moment dann doch eine ungelenke Kurve am Gegenüber vorbei. „Wenn sich die älteren Damen auf der Bank im Innenhof treffen, dann sitzen sie irgendwie auseinander zusammen“, hat er amüsiert beobachtet. Und über die Hilfsangebote für Ältere an den Hauseingangstüren hat er sich gefreut, sagt Sven Bürger. Obwohl er von „seinen“ Bewohnern, manche haben die 80 längst überschritten, nicht sagen könnte, wie viele davon Gebrauch machen. Eine Mischung aus Skepsis und Stolz vermutet er in dieser Haltung. Weil Corona gar nicht so schlimm ist? Ja, die eine oder andere Verschwörungstheorie hat der Hauswart auch schon zu hören bekommen. Doch das hänge wohl auch mit der Verunsicherung zusammen. Selbst wenn die Vorgänge im Bergmann-Klinikum nur einen Steinwurf weit weg geschehen sind, bleibe Corona doch eine Art Gespenst. „Aber für die Einschränkungen durch die Karl Marx haben alle großes Verständnis“, sagt Sven Bürger. Über das Verschieben kleinerer Reparaturen hätte sich noch niemand beschwert. „Wenn irgendwo was tropft, das machen wir dann schon ... auf Abstand versteht sich.“ Und wie weiter? Wie gesagt, für ihn als Hauswart habe sich ja so viel nicht geändert, sagt er. Allerdings sollte seine Große demnächst wieder zur Berufsschule gehen und nicht mehr auf den 8-jährigen Bruder aufpassen können, dann müsste er seine Dienstzeit, bis seine Frau von der Arbeit kommt, wohl verlagern, überlegt Sven Bürger. Den Spielraum dafür hat die Karl Marx schon eingeräumt. Corona lässt grüßen.